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Wie aus Kling!Kling! Kring!Kring! wird…

Als die Vorleserin geendet hatte fielen die Sorgen vor lauter Verblüffung von mir ab. War dies die befürchtete Logikfalle? Hatte die Praktikantin möglicherweise den falschen Text kopiert? Oder sollte bewusst der intellektuelle Widerspruch beschworen werden, dessen Entrüstung bei einer derartigen Abiturienten-Beleidigung mehr als verständlich gewesen wäre? Aber statt Aufruhr atmete auch ich pure Erleichterung. Eifrig wie alle füllte ich genau eine A4 und stellte mit Entsetzen fest, dass Dank des fortgeschrittenen Computerzeitalters, das wohl größte Hindernis für die Anstellung nicht der Test sondern meine Handschrift sein würde. Wer mag schon hinter Gekritzel den ruhigen, strukturierten Geist vermuten, den das harte Business benötigt?

Allerdings: Auch dieser Anfall von Unsicherheit sollte ohne Folgen bleiben, denn wer befürchtet sein Werk hinterher vom Rotstift gefärbt und mit allerlei pädagogischen Randbemerkungen versehen zurück zu erhalten, bleibt verschont. Denn derartige Ergüsse verschwinden einfach auf nimmer Wiedersehen - und zwar in dem schwarzen Loch zwischen den Aktenschränken der Personalabteilung, dem immer wieder auch die Lohnsteuerkarten zum Opfer fallen. (Ich bin allerdings überzeugt, dass sie alle, inklusive meiner Studienbescheinigung 2005, eines Tages auf einer humoristischen Internetseite veröffentlicht werden, deren Werbeeinnahmen dem Bund Deutscher Personalabteilungsekretärinnen zufließen.) Das konnte ich aber bis dato nicht wissen und so stellte ich mir vor, wie die nunmehr zur RauPiPau (Rauch- und Pinkelpause) auffordernde Personaltrinität, am Abend nach Feierabend beim Rotwein zusammensitzt und sich über krude Bewerbungen lustig macht; auch über die Bilder natürlich. Wobei dem merkwürdig dreinblickenden Brillenträger durchaus zuzumuten war, dass er die Bilder der geschorenen Gravitationszentren auch für andere Amusements verwendete. - Das war der Punkt an dem ich offenbar Kaffee und einen Schokoriegel brachte, denn derartige Gedanken sind nicht nur höchst unangebracht sondern auch über die Maßen eklig. Zeit aufzustehen und dem Strom zu folgen.

Raucher kennen das Gefühl: ein warmer Sommertag, vom Himmel strahlt wie so häufig eine Jahrtausendsonne und schon kurz nachdem man sich durch die Massen schwitzender Zeitgenossen in der Bahnhofshalle gekämpft hat, muss ein Gang angetreten werden, auf dem satt Büßer- Karohemd und das Ziel nicht Canossa, sondern die Raucherzone ist. Oft sind es endlose Meter vom Aufgang querab zum Bahnsteig unter den schwer erträglichen und spröden Blicken von Nichtrauchern. Diesen Blicke ruhen besonders unangenehm, denn sie stehen bereits abfahrbereit am rechten Ort. Eine Tatsache, die gelinde gesagt mit Unmut erfüllt. Mit frischen Perlenschweiß auf der Stirn erreicht man dann den rettenden Bereich und plötzlich, aus unerklärlich mystischen Gründen, weicht dem Groll die tiefe Verbundenheit und Harmonie mit den wenigen anderen im Kreis der Suchtpatienten. Soll doch der Zug dahinten entgleisen, über den Bahnsteig sich und die Wartenden in alle Einzelteile zerlegen und rauchend zum Stehen kommen ? klar ist, wem die Aufmerksamkeit im heillosen Chaos der Katastrophe gelten würde, denn nur diese Mitraucher hier haben Feuer und einen offenen Blick für Dich.

Im CC ist es indes genau umgekehrt, denn da sind die Nichtraucher in der Minderheit. Das hätte, rückblickend betrachtend auffallen können, denn im Abstand von genau 60 Minuten wurde zur Pause gebeten, auf dass geraucht werden könne. - Offenbar verbindet das blaue Band in den sieben Minuten Pause einer jeden Stunde die Agenten über alle Hierarchieebenen hinweg. Es sorgt für die Kommunikation die sonst aufgrund des menschlichen Ruhebedürfnisses unter den herrschenden Umständen nicht mehr stattfinden würde. Beobachtet man hingegen die NR bei der Pause stellt man fest: Die Essen oder Lesen ? reden tun die nicht. Also redet auch keiner mit Nichtrauchern, die haben schließlich auch kein Feuer. Wenn also jede Berufsgruppe spezifische Süchte hat, dann sind Nikotin und Coffein sowie deren chemische Potenz der Treibstoff, der aus Telefonklingeling in alchemistisch anmutender Weise Kassenkringkring werden läßt.

Als ich aber auf dem Flur zwischen Gerald und Max stand, der mich aus seinen freundlichen Augen aufmerksam abklopfte, meine heiße Tasse und eine Lucky Strike genoss, war mir noch lange nicht klar, wie sehr mich statt Kind und Kirche, Kippen und Kaffee umtreiben würden.

(Quelle)

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